Clubkultur, 5. Teil: SG Blau-Weiß Friedrichshain

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Clubkultur: Berlins Fußball – Das große PANENKA Herbstspecial nimmt Euch mit auf eine Reise durch die Berliner Fußballkultur und erzählt die kleinen und großen (Fußball-) Geschichten der Hauptstadt.

Teil 5: Die ganz großen sportlichen Höhenflüge hat die SG Blau-Weiß Friedrichshain in ihrer Geschichte bisher noch nicht stemmen können. Dafür darf das Team kontinuierlich Höhenluft schnuppern – mitten im Berliner Fußballhimmel.

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Für Berliner Fußballfans in absolut prominenter Lage, für nicht fußballaffine Teile der Bevölkerung kaum wahrnehmbar. Zwischen den S-Bahnhöfen Ostbahnhof und Warschauer Straße liegt der Fußballhimmel des Großhändlers METRO. Die Adresse der Spielstätte „An der Ostbahn“ gewährt zwar noch einen kleinen Hinweis auf die stadthistorische Bedeutung, die dem Gelände bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zukam, aber von der Bedeutung des Schienenverkehrs für die Industriegeschichte Berlins ist im Zentrum nur noch kaum Infrastruktur übrig geblieben. Während für das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) und den Postbahnhof neue kulturelle Nutzungen gefunden wurden, lag der Stadtraum, in dem heute die SG Blau-Weiß Friedrichshain angesiedelt ist, lange brach. Von den Rangier- und Verladeflächen des ehemaligen Kopfbahnhofes des Ostbahnhofs war außer der Weiträumigkeit des Geländes mitten in der Stadt nichts mehr geblieben.

Spätestens seit der Wiedervereinigung und mit Beginn des neuen Jahrtausends rückte das Gelände in unmittelbarer Nähe zur Spree wieder in den Fokus der Stadtentwicklung. Auf der einen Seite der Bahntrasse wird seitdem das umstrittene Projekt „Mediaspree“ vorangetrieben, während auf der nördlichen Seite des Bahndamms Gewerbe angesiedelt wurde. Seit nunmehr einem Jahrzehnt wird dort nun mit Baustoffen und Lebensmitteln gehandelt – und eben auch Fußball gespielt.

Seit zehn Jahren ist die METRO AG inzwischen Besitzer eines der prominentesten Fußballplätze Berlins. Die Eröffnung des „METRO-Fußballhimmel“ fiel auf den 29. Juni 2006 und damit einen Tag bevor Jens Lehmann im Spiel gegen die Argentinier seine Einkaufsliste aus seinen Stutzen wickelte. Als der Großhändler das Gelände Anfang der 2000er Jahre pachten wollte, erhielt er von der Bezirksverwaltung die Auflage den dort vorhandenen Sportplatz in die Planungen zu integrieren. Die Auflage begriffen die Planer in bester Manier als Chance zur Schaffung eines besonderen Ortes. Zur effektiven Ausnutzung des gesamten Grundstücks für die wirtschaftlichen Anforderungen wurde der Sportplatz einfach auf das Dach des Großhandelgebäudes verlegt.

Für die kontinuierliche Nutzung des Fußballplatzes, der sowohl für Betriebsfeiern der METRO als auh von Schulklassen genutzt wird, erhielt die SG Blau-Weiß Friedrichshain den Zuschlag. Als der Verein vor viereinhalb Jahren aus der Kreisliga A abstieg und sich in der Mannschaft Auflösungserscheinungen breit machten, drohte die SG ihre Spielstätte zu verlieren als lediglich noch eine Freizeitruppe die Farben hochhielt. Angesichtsdessen verbündete sich die Rumpfelf der ersten Herren mit dem ambitionierten Teil der Freizeitkicker und startete nach Erfolgen in der Landesliga der Freizeitmannschaften im Sommer 2013 in der Kreisliga C neu. Seitdem erlebt der Verein eine kleine Renaissance, schaffte den Durchmarsch in die Kreisliga A und kann nun auch wieder mit Stolz auf die 48jährige Vereinshistorie verweisen. 1968 wurde der Verein an einem sagenumwobenen Stehtisch „bei Helga“ in der Rigaer Straße Ecke Liebigstraße gegründet und war seitdem in verschiedenen Ecken Friedrichshains beheimatet.

Der Name „SC Ritze“ wurde durch die Behörden der DDR zugunsten des „weniger polarisierenden“ Titels SG Blau Weiß Friedrichshain abgelehnt, dafür durften sie aber von Beginn an dann auch gleich die Aufmerksamkeit der politischen Führung genießen, die in jedem alternativen Vorschlag gerne auch sogleich eine oppositionelle Quelle erblickte. Der große sportliche Erfolg war der Sportgemeinschaft jedoch in den Jahren in der DDR nicht vergönnt. Nach der Wende musste der Verein seine Heimspielstätte in der Zellestraße verlassen und siedelte zum Kurt-Ritter-Platz in der Gürtelstraße um. Als sich dann 2006 die Möglichkeit zur Nutzung des Fußballhimmels auftat, schlug der Verein sofort zu.

Als Hauptnutzer des Spielfeldes auf dem Dach haben die Blau-Weißen zwar das Privileg mit bester Aussicht auf die Oberbaumbrücke, die East-Side Gallery, das Berghain und die Mercedes-Benz-Arena Fußball spielen zu dürfen, dafür müssen sie jedoch auch gewisse Einschränkungen in Kauf nehmen. Die Nutzung des Spielfeldes ist an die Öffnungszeiten des Handels gekoppelt. Zu jedem Training und Spiel muss sich beim Pförtner der METRO angemeldet werden, um den Schlüssel zu Platz und Vereinsräumlichkeiten zu erhalten. Spieltermine können dementsprechend nicht auf einen Sonntag gelegt werden, da dann auch die Ladenflächen geschlossen bleiben. Besonders in der Kreisklasse führt dies gerne mal zu organisatorischen Herausforderungen. Zumindest ist an Spieltagen aber die Getränkeversorgung gesichert und ein Ersatznetz beim Baumarkt auch recht schnell besorgt.

Die repräsentative Spielfläche verhilft dem Verein dabei vor allem jedoch zum stetigen Wachstum. Sowohl quantitativ als auch qualitativ geht es mit Blau-Weiß Friedrichshain in den letzten Jahren voran, da viele die den Platz erblicken gerne dort regelmäßig spielen wollen. Während die erste Mannschaft der Herren sich in der Kreisliga A etabliert hat, hat sich inzwischen eine zweite Herrenmannschaft, eine Frauenmannschaft und eine Freizeittruppe namens „Hulk City“ dazugesellt.

„That are the boys in blue and white, that are the lads I am talking about. You know, that’s history in the making, man!“ Auf dem Dach der METRO wird laut eigenen Angaben von nun an Fußballgeschichte geschrieben und der Weg Richtung Europapokal beschritten. Sollte der Aufstieg ungebremst weiter gehen, wäre die Tribüne am Spielfeldrand wohl nicht mehr nur zu Sight-Seeing-Zwecken rammelvoll. Ein erstrebenswerter Gedanke…

Axel Diehlmann

P.S. Einige bildlicheEindrücke des abendlichen Trainings der Jungs der SG Blau-Weiß Friedrichshain wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten.

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