Der Blick über den Tellerrand – Gabun und der Africa-Cup

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Das Jahr 2017 hat kaum begonnen und schon sind wir mittendrin in einem sportlichen Großerereignis. Nach drei Unentschieden zum Auftakt konnte gestern der Senegal den ersten Turniersieg für sich verbuchen. Gastgeberland Gabun, für das natürlich Pierre-Emerick Aubameyang das erste Turniertor markierte, spielte zum Auftakt lediglich ein 1:1 gegen Guinea-Bissau heraus. Diese kleine Ernüchterung lässt die Euphorie im Vorfeld ein wenig abebben und verstärkt wiederum die skeptischen Stimmen im Umfeld des Africa-Cups.

Die Ausrichtung eines großen Turnier birgt für Politik und Wirtschaft stets im Gleichklang Chancen und Risiken. Auf der einen Seit gewährt es einer Nation die internationale Aufmerksamkeit für einen kurzen Zeitraum und damit einhergehend wirtschaftliche Inpulse. Andererseits müssen die Statuten erfüllt sein, um das Turnier letztendlich ausrichten zu können und zu dürfen. Dafür bedarf es großer Infrastruktur-Programme rund um die Stadien, die zur Durchführung einer kontinentalen Meisterschaft benötigt werden. Dass dies in den meisten Fällen dem realen Bedarf eher nicht entspricht, liegt insbesondere in Schwellenländern auf der Hand. Die Wirtschaft ist oftmals so labil, dass sportpolitische Großprojekte auch gerne mal zur Überforderung des Staates beitragen.

Gabun hat innerhalb von fünf Jahren zum zweiten Mal die Ehre, die Afrika-Meisterschaft ausrichten zu dürfen. Während die Gabuner 2012 noch Co-Gastgeber von Äquatorialguinea waren, sind sie nunmehr alleine in der Verantwortung und müssen dementsprechend organisatorisch, wirtschaftlich und inhaltlich noch eine Schippe drauflegen. Und so werden auch in den Provinzen des Landes neue Stadien errichtet, die mit einem Fassungsvermögen von über 20.000 Zuschauern internationalen Standards entsprechen. Zwar könnten hierin auch notwendige Entwicklungsimpulse liegen, jedoch sehen große Teile der Bevölkerung die baulichen Maßnahmen eher kritisch. Die mit ihnen verbundenen Versprechen einer besseren Zukunft wurden 2012 schon mehr oder minder enttäuscht, so dass die aktuelle Ausrichtung eher als ein verzweifeltes Prestige-Projekt einer politschen Klasse in der Legitimitätskrise interpretiert wird. Das Land ist geprägt von politischen Unruhen, soziale Ungleichheiten und wirtschaftlicher Schwäche bei anhaltend hohem Anteil von Arbeitslosigkeit. Das Großprojekt Africa-Cup verschärft dabei die gesellschaftlichen Unterschiede eher noch anstatt diese zu besänftigen, da es wenn überhaupt nur temporär zu einem kleinen Aufschwung verhilft, von dem letztlich nur wenig bei der Bevölkerung ankommt.

Angesichts dieser brisanten Lage im Land ist ein gutes sportliches Abschneiden der Nationalmannschaft eigentlich unumgänglich, um die Ausrichtung nicht ad absurdum zu führen. Auf den Schultern der Mannschaft um Pierre-Emerick Aubameyang lastet demzufolge nicht nur die Bürde des Geheimfavoriten, sondern eben auch die der rückwirkenden Sinnstiftung der staatlichen Investitionsmaßnahmen. Dass dies trotz der kultisch überhöhten Symbolfigur Aubameyang ein schwieriges Projekt werden könnte, demonstrierte der spät kassierte Ausgleich in der Schlussminute des Eröffnungsspiels, welches schlagartig die Gabuner aus den Träumen riss. Gegen Burkina Faso und Kamerun müssen nun die notwendigen Erfolge eingeheimst werden, um den sozialen und damit auch politischen Frieden aufrecht zu erhalten. Der Fall Gabun demonstriert erneut, nach welcher Logik in unserer globalisierten Welt um politische und wirtschaftliche Aufmerksamkeit gerungen wird. Die Prestige-Projekte sind oft genug auf Kante genäht und dabei stark von der gesellschaftlichen Akzeptanz abhängig. Es ist oftmals ein Verlust des Gleichgewichts der staatlichen Wirtschaftspolitik zu beobachten und insbesondere die Ausrichtung von sportlichen Großereignissen in den letzten Jahrzehnten offenbart die Diskrepanzen. Fassade statt Struktur. Schöner Schein statt Ausstrahlungskraft. Man weiß nicht so recht, ob man dem Gabun den sportlichen Erfolg gönnen sollte. Immerhin würde dadurch vermeintlich ein System der Investitionspolitik bestätigt, welches letztendlich kaum auf soziale Verantwortung ausgerichtet ist.

 

Axel Diehlmann

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