Fußball 2.0

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Vier Tore fielen bei der gestrigen Partie zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund. Zwei davon wurden pompös inszeniert, die anderen zwei wurden mit frenetischem Jubel bedacht. Diskrepanzen einer Fußballwelt zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Es war auf gewisse Art und Weise erschreckend symbolträchtig, wie die Tore der Königlichen protokollarisch gefeiert wurden. In bester königlicher Manier folgte alles einer vorgegebenen Struktur der Inszenierung, während das gemeine Volk kleinlaut der Heldenverehrung beiwohnte. Bei beiden Treffern von Benzema ertönte rasch eine Hymne der großen Klänge, die es in der Klangfarbe ohne weiteres mit der wohlbekannten Champions-League-Hymne auf sich nehmen kann. Auch wenn man von Glück reden kann, dass es kein Party-Lied á la „Was wollen wir trinken“ oder Scooter war, war doch die andächtige Melodik der Torhymne ein Exempel der übergeordneten Inszenierung, die sich vom Alltagsgeschäft auf dem Platz ein gehöriges Stückchen entfernt hat. Gleichzeitig diente die Hymne natürlich der Betonung des besonderen Moments. Ein wohlbedachter Schachzug, da von den Tribünen nur rudimentär Support zu vernehmen und zu erwarten war.

Viele der Fans von Real Madrid nutzten die gehobene Atmosphäre dementsprechend entspannt höchstens noch für ein paar Bilder und Videos mit dem Smartphone und erfreuten sich an der gesitteten Abnahme der jeweiligen Treffer. Der Schwenk der Sky-Kameras über die Tribüne zeigte nur wenige Zuschauer in Trikots und außer Rand und Band. Das vielbeschworene Theaterpublikum hat sich im Estadio Santiago Bernabéu schon breit gemacht.

Schon deshalb war es schön, dass die Dortmunder Borussia mit zwei Treffern zurück ins Spiel und damit auch zurück an die Tabellenspitze der Champions-League-Gruppe kehrte. Da war nämlich in der madrilenischen Arena ein kleines gallisches Dorf zugegen, welches die Treffer frenetisch zu bejubeln wusste und über die gesamte Spielzeit einen Hauch von melodischer Anarchie ins weite Rund zu setzen wusste. Offensichtlich bedeutete den mitgereisten Fans des BVB der Erfolg ihrer Mannschaft etwas. So hörte es sich zumindest an, als Aubameyang und vor allem Reus ins Madrider Gehäuse einnetzten. Unter dem Dach wurde gejubelt, sich umarmt und geschrien. Hierbei fiel dann auch wiederum eine Unart des modernen Fußballs auf, in der die Auswärtsfans möglichst weit vom Spielfeld entfernt gehalten werden, um die „guten“ Plätze möglichst teuer verkaufen zu können. Analog zu den absurden Exklusionspraktiken in der Allianz-Arena verweisen die Madrilenen ihre Gästefans auf den dritten Rang unter die Dachkonstruktion, damit dieser unkalkulierbare Faktor die sportliche Inszenierung des Heimvereins nicht untergräbt.

Aber auch die eigenen Fans werden auf Sitzplätze verwiesen und im Zweifelsfall mit Klatschpappen versorgt, damit immer eine Hand für den Konsum freibleibt. Diese Hand lässt sich dann natürlich auch für diverse Video- und Foto-Aufnahmen verwenden. Die Treffer von Real Madrid waren dementsprechend ein Medienereignis. In Windeseile wurden dann Bilder aus dem Stadion gepostet und Likes und Follower gesammelt mit der Botschaft „Has visto? Estoy aqui!“ (Guckma, ick bin hier). Mit einem seufzenden „Ui toll“ lässt sich eigentlich nur noch der Kopf schütteln in Angesicht der zunehmenden emotionalen Verkümmerung in europäischen Stadien. Nicht das Spiel steht im Mittelpunkt, sondern die Idee vom Spiel. Für diejenigen ist es wichtiger eine Karte für das Spiel zu haben, als das Spiel zu sehen. Dadurch erklärt sich auch die grassierende Unart des sich Festsitzens am Logenbuffet, während draußen schon wieder gebolzt wird und das fluchtartige Verlassen des Stadions schon weit bevor die letzte Minute angebrochen ist. Man muss ja schnell berichten können, dass man da gewesen ist und schon vor allen anderen wieder auf dem heimischen Sofa hockt. Weil man ist ja damit klüger als derjenige, der immer noch im Verkehr feststeckt. Jedoch: Der Letzte, der das Stadion verlässt, kennt diese Atmosphäre eines sich leerenden Stadions, in dem direkt vor Ort die entscheidenden Spielszenen diskutiert werden. Es sind diese Momente, die diesen Sport zu einer Kultur erheben.

Will sagen: Scheiß auf die Photos! Das Foto ersetzt nicht das reale Erlebnis – es ist lediglich eine Gedankenstütze. Wer den Eckball filmt, sieht ihn nicht. Nehmt die Smartphones aus der Hand! Erlebt die letzten Minuten im Stadion und nicht am Autoradio, während auf dem Platz oftmals nochmal die Hölle los ist und entscheidende Treffer fallen! Feiert wild, feiert laut und verschüttet Bier! Stadien sind Orte der individuellen und kollektiven Begegnung mit der Leidenschaft. Dies gilt es zu bewahren und der reglementierten exklusiven Stadionwelt der Moderne nicht allzuviel Raum zu überlassen.

 

Axel Diehlmann

2 Gedanken zu „Fußball 2.0

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