Fußball findet Stadt – Berlin, Hauptstadt des Fußballs

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Berlin, Hauptstadt des Fußballs? Ausgerechnet die einzige Hauptstadt Europas, die dauerhaft einzigartig in ihrer Abstinenz in der höchsten Spielklasse der jeweiligen europäischen Nationen war und in der erst nach und nach von einer Etablierung des Spitzenfußballs zu sprechen ist? Auch wenn die ultimative sportliche Spitze des professionellen Fußballs derzeit nicht in Berlin zu finden ist, offenbart sich bei näherem Betrachten doch das ungeheure Potential und die Ausstrahlungskraft einer Metropole des Fußballs.

Berlin reiht sich ein in eine illustre Runde von Städten als Austragungsorte großer Momente der Fußballgeschichte. Es gibt weltweit gerade einmal 15 Städte, in denen jemals ein Finale der Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Rom 1934, Rio de Janeiro 1950 und 2014, London 1966, München 1974, Paris 1998, Berlin 2006 – um nur einige der Metropolen zu nennen, deren Stadtgeschichte sich mit der Geschichte des Fußballs verknüpft. Über die großen internationalen Ländervergleiche hinaus war Berlin Austragungsort des Champions-League-Finals 2015 zwischen dem FC Barcelona und Juventus Turin und gab jenem großen Spiel einen gebührlichen Rahmen. Auch das Eröffnungsspiel der Frauen-Weltmeisterschaft 2011 wurde im Berliner Olympiastadion ausgetragen, um der wachsenden Bedeutung des Frauenfußballs gerecht zu werden und einen weiteren sportpolitischen Entwicklungsimpuls zu setzen. Nicht zuletzt ist das Berliner Olympiastadion als Austragungsort des DFB-Pokals das große Ziel der kleineren Vereine: der Moment des einzigartigen, großen Augenblicks eines großen Finals und darüber hinaus Sinnbild des kürzesten Weges nach Europa. Die Entscheidung, Berlin als stetigen Austragungsort zu etablieren, ist dabei eng mit der Stadtgeschichte verknüpft. Es galt, die Insel West-Berlin sportpolitisch zu integrieren und die nationale und internationale Aufmerksamkeit auf die geteilte Stadt zu lenken. Seit 1985 wird nunmehr das Finale in Berlin ausgetragen. Inzwischen sind Berlin und Deutschland wiedervereint, doch Berlin fungiert immer noch unabhängig der politischen Situation als Mythos des deutschen Fußballs. Das Olympiastadion, das einstiges Prestigeprojekt der Nationalsozialisten, symbolisiert – insbesondere hervorgerufen durch die umfassende Modernisierung im Vorfeld der WM 2006 – die Ausstrahlungskraft der Sportmetropole Berlin.

Der sportpolitische Aspekt der nationalen und internationalen Aufmerksamkeit stellt dabei lediglich nur einen Aspekt des Spektrums „Hauptstadt des Fußballs“ dar. Besondere Aufmerksamkeit verdienen darüber hinaus die Leidenschaften, die sich sportlich und räumlich in Berlin niederschlagen.

Vereins- und Amateursport

In Berlin sind nach Angaben des Berliner Fußballverbandes und des DFB 195 Fußballvereine gemeldet, in denen über 144.000 Fußballer aller Altersklassen aktiv sind. Berlin beheimatet neben Hertha BSC und dem 1. FC Union Traditionsvereine wie Tasmania, Tennis Borussia oder den BFC Dynamo, deren Geschichten nicht unterschiedlicher, nicht wechselhafter sein könnten. Hinzu kommt der älteste Verein des deutschen Fußballs: der BFC Germania 1888. In Berlins Amateurligen ballt sich – auch durch die mitunter so wechselhafte historische Entwicklung einzelner Vereine – ein Fanpotenzial, von dem andere Mannschaften in gleichklassigen Ligen mitunter nur träumen können. Auch wenn das nicht immer nur positive Auswüchse hat, wenn etwa Vereine wie der BFC zu auf Auswärtsfahrt sind. Der Konkurrenzkampf innerhalb der Hauptstadtgrenzen ist ungemein hart, denn tatsächlich drängten und drängen in den letzten Jahrzehnten weitere Vereine wie der BAK oder Türkiyemspor nach oben, mit dem Versuch, im Profifußball Fuß zu fassen.

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Freizeitfußballer

Neben dem organisierten Vereinsfußball gibt es in Berlin eine fast unüberschaubare Menge von Freizeitfußballern, die in den verschiedensten Formen organisiert sind – oder eben auch nicht. Es gibt Freizeitligen mit quasi verbandsartiger Struktur, wie beispielsweise die traditionelle, seit über 30 Jahren existierende Union-Liga, deren Mitglieder streng den Bezug zum 1. FC Union zur Teilnahmevoraussetzung machen. Es gibt die Bunte Liga, in der so ziemlich jeder mitspielen darf, der auch nur ansatzweise zu regelmäßigem Fußball neigt. Es gibt die Kirchenliga, organisierten Hallenfußball und unzählige weitere Formen des Freizeitfußballs. Und dann gibt es selbstverständlich die Hobbykicker, die sich täglich und wöchentlich auf und in den Kunstrasenplätzen, Käfigen und Parkanlagen der Stadt treffen, um einfach ab und an ein wenig gegen den Ball zu treten. Es ist unmöglich, all diese Sportler zu zählen und quantitativ zu erfassen. Das muss auch gar nicht sein. Wenn man an einem Sonntagmorgen durch die Straßen und Parks der Stadt fährt, hört man es aus allen Gassen rufen, jubeln und fluchen. Die Stadt kickt, die Stadt spielt. Das runde Leder regiert.

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Fußballkneipen & Public Viewing

Berlin ist aber nicht nur für aktive Fußballer ein Mekka, auch der passionierte Kneipengänger findet in Berlin sein Glück. So gibt es in jedem Bezirk unzählige und verschiedenartigste Sportsbars und Fußballkneipen, in denen Fußball konsumiert werden kann. Hier gilt das schlichte Motto „es gibt nichts, was es nicht gibt“. Da sind die klassischen Hertha-Fankneipen, überwiegend im Westen der Stadt, wie etwa das „Kuchel Eck“ am Ludwigkirchplatz oder das „Veritas“ am S-Bhf Charlottenburg. Im Ostteil der Stadt finden sich selbstredend die Union-dominierten Gegenstücke dazu, wie zum Beispiel das „Degendorff“ am Friedrichshainer Bersarinplatz oder die „Abseitsfalle“ in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Trainingsplätzen von Union Berlin. Die „Glühlampe“ oder das „Hops and Barley“ im Szenekiez Friedrichshain bedienen hingegen ein anderes Klientel, mit einem breiter gefächerten Fußballinteresse. Aber nahezu jeder in der Bundesliga vertretene Verein hat seine eigene Fankneipe in der Hauptstadt. Und seit der WM 2006 wird die Stadt alle zwei Jahre, wenn eine EM oder WM ansteht, in einen wahren Public-Viewing-Rausch versetzt. Die Möglichkeiten, dem gemeinsamen Fußballgenuss zu frönen, sind während dieser Turniere in Berlin kaum Grenzen gesetzt. Ob nun der überbordende Patriotismus auf der Fan-Meile, die hippe Eventkultur in der Kulturbrauerei, die absurde Aneinanderreihung von Tischen vor Leinwänden in der Simon-Dach-Straße, die halböffentlichen Treffen in Berliner Hinterhöfen oder die „Bar 11“ in Kreuzberg – von groß bis klein, von laut bis still, von global bis intim, alles ist möglich.

Und wenn dann, wie im Juli 2014 geschehen, sogar noch der von einigen lang ersehnte WM-Titel herausspringt, verwandelt sich die Stadt in ein einziges, unkontrollierbares Menschenmeer. Hierbei kristallisieren sich dann die Orte der Stadt oder des Stadtteils heraus, die der Stadt ihre Identität geben und entsprechend als selbstverständlicher Treffpunkt des gemeinsamen Jubelrauschs okkupiert werden. Ein urbaner Flashmob ohne Vorankündigung, sondern lediglich basierend auf einem kollektiven stadträumlichen Bewusstsein.

Profisport

Ein solches Menschenmeer würden die in Berlin ansässigen Profivereine natürlich auch gern sehr viel häufiger verursachen, aber hier zeigt sich, wie hart der Konkurrenzkampf mit dem Rest der Republik ist, wenn es um das Thema Leistungs- und Profisport geht. Berlin stellt mit Hertha BSC in der ersten und dem 1. FC Union in der zweiten Bundesliga zwei Traditionsvereine, deren Vereinsmodell unterschiedlicher nicht sein könnte. Auf der einen Seite der Kiezverein aus Köpenick, dem es in den vergangenen Jahren gelungen ist, mit viel Geschick und Charme eine breitere Fan-Basis und die Aura eines Kultclubs aufzubauen und seine Ideale und Traditionen dabei geschickt zu integrieren. Der Club spielt heute in einem runderneuerten, atmosphärisch reizvollen Stadion und schielt jetzt immer häufiger in Richtung Oberhaus.

Auf der anderen Seite der Stadt Hertha BSC, der selbsternannte Hauptstadtclub, der im weitläufigen Olympiastadion spielt. Die Zuschauer strömen aus allen Teilen der Stadt und aus dem Umland zum Verein, dem seit Jahren großes Potenzial nachgesagt wird, was er immer wieder andeuten, aber selten wirklich umsetzen konnte. Zwischen Union und Hertha entwickelt sich dabei zunehmend eine Rivalität, die sich in einer stärkeren Akzentuierung des Marketings in Bezug auf die Stadt Berlin und einzelne Stadtteile niederschlägt.

Durch den Einstieg immer weiterer „Kunstvereine“ wie aktuell Red Bull Leipzig (oder sehr viel früher schon die TSG Hoffenheim oder des VfL Wolfsburg) wird es für Vereine wie Hertha und Union natürlich nicht einfacher, als Traditionsvereine ohne das Ruhepolster eines Investors im Hintergrund, im harten Konkurrenzkampf Profifußball zu bestehen. Nichtsdestotrotz scheint es, als ob die Rivalität beiden Clubs nachhaltig gut tut und das Angebot an sportlicher Identifikation die Stadtkultur bereichert.

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Leben im Exil

Was die Besonderheit Berlins im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten aber ausmacht, ist die Zusammensetzung seiner Bevölkerung. Die Mehrzahl der heute in Berlin lebenden Bevölkerung ist nicht in Berlin geboren. Seit der Wende sind über 1,5 Mio. Menschen in die alte und neue Hauptstadt Berlin gezogen. Dabei brachten viele von ihnen ihre leidenschaftliche Verbindung zu ihrem Heimat- oder Lieblingsverein mit, so dass heute nahezu jede Fangruppierung in erstaunlicher Stärke vertreten ist. Bayern München und Borussia Dortmund sind nur die Spitze des Eisbergs. Diese beiden Vereine besitzen in Berlin so viele Anhänger, dass jedes Spiel dieser Vereine bei Hertha BSC zu einem gefühlten Pokalfinale wird.

Als Hertha-Fan hat man in Bezirken wie Friedrichshain oder Prenzlauer Berg eigentlich nie das Gefühl mit seinem Fan-Dasein Teil einer kollektiven Verbindung zu sein. Äußern tut sich dies vor allem auf der Suche nach einer Fußballkneipe, die das Spiel der Berliner Bundesligamannschaft überträgt. Hier muss man einfach im Vorhinein wissen, wie man in den Genuss seines Lieblingsclubs kommt. Dieser Genuss wird natürlich auch den Fans der übrigen Mannschaften wie etwa dem HSV, Werder Bremen oder dem VfB Stuttgart zuteil. Diese Clubs können in Berlin auf eine breite Unterstützung setzen. So gibt es selbstverständlich für jeden dieser Vereine eigene Fankneipen. Berlin ist eben auch die Stadt der Exil-Anhänger, die ihre Liebe zum Heimatverein genauso intensiv ausleben wollen wie sie das schon immer getan haben. Und das trifft sich hier wirklich besonders gut, denn es gibt in Berlin mindestens immer noch einen zweiten Fan, der die Leidenschaft teilt, selbst wenn man nur Fan des FC Ingolstadt ist. Audi hat ja schließlich auch ein paar Filialen in Berlin.

Medienstadt Berlin

Berlin ist aber auch in Sachen Sport- und Fußball-Berichterstattung ein Schwergewicht auf dem nationalen Medienmarkt. Neben den Sportkorrespondenten der ansässigen Lokalzeitungen sitzt mit der BILD-Sportredaktion eine der einflussreichsten und streitbarsten, aber auch untrüglicherweise erfolgreichsten Sportredaktionen Deutschlands in der Hauptstadt. Fernab der sportlichen Yellow-Press hat aber insbesondere der Qualitätsjournalismus seine Heimat in Berlin gefunden. Neben dem mittlerweile äußerst populären Magazin „11Freunde“ ist in Berlin auch die „Fußballwoche“ zu Hause, die sich voll und ganz auf den regionalen Fußballsport konzentriert.

Und seit dem 1. Oktober 2015 gibt es nun also ein ganz neues Medium auf dem Berliner Fußballmarkt – das neu gegründete Online-Magazin DER PANENKA, welches die Thematik der Fußballkultur in ihrer urbanen Dimension ins Zentrum rückt. Die Heimat des Magazins ist dabei nicht nur physisch, sondern auch inhaltlich die Stadt Berlin, was aber nicht bedeutet, dass wir den Blick nicht gern über den Tellerrand hinaus werfen. Eine gute und ausgewogene Mischung macht letztlich das perfekte Magazin aus.

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Genau so ist es auch mit der Fußballleidenschaft in Berlin. Von allem ist etwas dabei, jeder findet seine Nische. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja eines Tages dann sogar nochmal ein blauweißes oder rotweißes Menschenmeer, welches singend vor Freude durch die Straßen zieht.

Es wäre dieser enthusiastischen Stadt wirklich zu gönnen.

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