Gefesselt im Büro – Ein isolierter Pokalabend

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Es gibt so Momente im eigenen Leben, bei denen man das Gefühl in sich trägt, diese in Gänze irgendwann an einem lauen Sommerabend am Feuer sitzend seinen Enkeln wiederzugeben. Zu diesen gehören natürlich prägnante Situationen wie Festtage oder Urlaubsreisen, besondere Bekanntschaften oder einschneidende Erlebnisse der eigenen Biographie. Oftmals denkt man dann aber wahrscheinlich auch an die widersprüchlichen, skurrilen und kauzigen Momente zurück. Eine dieser Situationen erlebte ich freudigerweise im Kontext des DFB-Pokalspiels zwischen Borussia Dortmund und Union Berlin.

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Am Mittwoch abend trafen zwei besondere Vereine aufeinander. Meiner Berliner Herkunft zum Trotz bin ich seit 1994 Fan des BVB. Nichtsdestotrotz habe ich als relativ leidenschaftlicher Fußballenthusiast natürlich auch noch Raum für lokale Verbundenheiten und drücke seit geraumer Zeit Union Berlin die Daumen. Einen zwischenzeitlichen Exkurs ins Fan-Dasein bei Union musste ich zwar letztlich aufgrund Zeitmangels und des Bewusstseins über meine eigentliche Verbundenheit wieder einstellen, aber Union ist und bleibt ohne Zweifel meine erste Alternative zum BVB in Sachen Fußball. Schon damals als ich auf der Gegengerade der Alten Försterei den Unionern zujubelte und die einzigartige Atmosphäre erlebte, war mir klar, dass im Fall der Fälle eines Pflichtspiels von Union Berlin gegen den BVB meine Sympathien jedoch klar verteilt sein würden.

Nun kam es also erstmals in meiner Zeit als Fußballfan zum Aufeinandertreffen der beiden Vereine im Rahmen des DFB-Pokals und wie es dann meistens so ist, konnte ich dem großen Event nicht im Stadion beiwohnen. Die Arbeit machte mir einen Strich durch die Rechnung. Als die Terminierung des Spiels auf den Mittwoch feststand, waren letzte Hoffnungen auf einen speziellen Besuch im Westfalenstadion begraben. Oftmals bin ich mittwochs bis abends im Büro eingebunden, so dass eine Fahrt nach Dortmund nicht möglich war. Ich vertröstete mich angesichts der späten Anpfiffzeit auf das gute alte Fernsehen und ging wohlgelaunt in den Tag des letztlich großartigen Pokalspiels.

Relativ ernüchternd musste ich jedoch feststellen, dass die Sky-Bars im Umfeld meines Arbeitsplatzes einheitlich auf die Konferenz verwiesen, als ich versuchte eine geeignete Lokalität für das – für mich – Spiel der Spiele zu finden. Meine Argumentation, dass die Bayern ja (wie immer) im Free-TV zu verfolgen seien, wurde als nicht hinreichend angesehen. Immerhin spielten ja auch „die Schalker“ – daher wäre die Konferenz „alternativlos“. Wer soll als Fan von Dortmund und Sympathisant von Union eine solche Erklärung noch ernst nehmen? Jedenfalls sah ich mich schon verzweifelt in der Konferenzschaltung verloren. Es würde ein absurder Abend werden.

Die Lösung war jedoch schnell gefunden. Es bestand die Möglichkeit einen Sky-Account über meinen Arbeitsrechner zu verwenden und so richtete ich mich auf einen (halbwegs) gemütlichen Fußballabend in meinem Büro ein, in dem an vollen Tagen gerne mal acht Leute Arbeitsatmosphäre verbreiten. Die letzten Kollegen waren kurz vor neun von dannen und ich schnappte mir in der gerade schließenden Cafeteria noch zwei Bier, um mir ein relativ authentisches Fußballerlebnis zu suggerieren. Pünktlich zum aufgrund der Einlassproblematiken verspäteten Anpfiff saß ich auf meinem bürotypischen Drehstuhl an meinem Schreibtisch und starrte im dunklen Büro auf den Bildschirm. Es sollte ein langer Abend werden.

Während rund um mich herum, die Lichter ausgemacht wurden, verfolgte ich eine umkämpfte Partie mit ungeheuer ansteckender Pokalatmosphäre. Besondere Verantwortung hierfür trugen die Unioner, die zum einen spielerisch auf dem Platz, als auch stimmungsvoll auf der Tribüne das Westfalenstadion bereicherten. Die „rote Wand“ der Unioner auf der Nordtribüne sorgte eindrücklich für großartige Atmosphäre in dem in den letzten Jahren doch recht verwöhnt anmutenden weiten Rund. Die Fans von Union schmetterten ihre wohlbekannten Lieder aus der Alten Försterei der Südtribüne jedenfalls lautstark vor die Füße, wodurch diese nach gehöriger Irritation in der ersten Hälfte auch zum kontinuierlichen Support angeregt wurde. Spätestens in der Verlängerung und beim Elfmeterschießen „brannte“ der Kessel. Nichtsdestotrotz blieben in den meisten Fällen die 12.000 roten Kehlen den Gesangseinlagen der Dortmunder überlegen. Dies lag vor allem an der Entschlossenheit, mit der die Gesänge vorgetragen wurden. Wie die Jungs auf dem Platz gab die versammelte Meute auf der Tribüne alles um Union zur Pokal-Überraschung in Dortmund zu verhelfen.

Union forderte Dortmund bis aufs Äußerste und fesselte mich dementsprechend im Bürostuhl am Schreibtisch, den ich nunmehr schon den ganzen Tag bespielt hatte. Nachdem auch im Hausflur das Licht abgeschaltet wurde, fühlte ich mich gänzlich allein. Es war einerseits skurril und andererseits auch etwas unheimlich. Immerhin wurde erst vor zwei Wochen versucht, bei uns im Büro einzubrechen. Was wäre, wenn die Täter ihren gescheiterten Versuch mit besseren Methoden und Wrerkzeugen wiederholen würden? Auch wegen einer unwillkommenen Unterbrechung der Spielbeobachtung konnte ich dies nun überhaupt nicht gebrauchen.

Steven Skrzybsky manövrierte Union Berlin mit einem Traumtor in die heißumkämpfte Verlängerung und hatte zehn Minuten vor Schluss dieser die ultimative Chance die Dortmunder mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Pokal zu schmeißen. Die vergebene Möglichkeit quittierte ich mit einer erleichterten 360°-Drehbewegung auf meinem Bürostuhl. Das Teil war zur Emotionenverarbeitung zu gebrauchen. Die Borussia vergab danach auch noch die letzten Chancen auf eine vorzeitige Entscheidung, so dass gegen halb zwölf das Elfmeterschießen anstand. Eine großartige Partie fand ihr glorreiches Ende. Mir war von vorherein klar, dass wenn Dortmund ausscheiden würde, es keinen Verein gäbe, dem ich es mehr (oder überhaupt) gönnen würde. Eine relativ komfortable Situation möchte man meinen, aber das Fußballherz kennt in solchen Momenten keine Kompromisse und auch keine Abwägungen. Angespannt bis in die Haarspitzen saß ich nun da in meinem leeren und dunklen Büro und harrte aus. Roman Weidenfeller im Verbund mit der nunmehr elektrisierten Südtribüne parierte zwei Elfmeter von Union und brach in leidenschaftlichen Jubel aus, als Philipp Hosiner den dritten und in diesem Fall letzten Elfer an die Latte des Tores senste. Ein frenetischer Jubel im Westfalenstadion brach aus, während ich einen isolierten Freudensprung am dunklen Schreibtisch machte. Ein etwas dubioses, aber sehr besonderes, Fußballerlebnis war beendet. 23:43 Uhr fuhr ich meinen nach 15 Stunden leicht überhitzten Computer herunter und traute mich in den verwaisten Flur des stillen und dunklen Gebäudes, in dem lediglich die Notlichter den Weg zum Ausgang wiesen.

Nach neun Stunden kehrte ich wieder an den Ort des Geschehens zurück und bemerkte eine leichte emotionale Aufwertung meines Arbeitsplatzes. Immerhin hat er mir jetzt eine Geschichte beschert, die ich in vielen Jahren meinen Enkeln erzählen könnte. Der Dank dafür geht aber vor allem an Union Berlin, der diese Geschichte erst durch ein spannungsgeladenes Spiel möglich gemacht hat. Ein 2:0 des BVB in der regulären Spielzeit hätte in mir nur ein Gefühl der verpassten Gelegenheit des Beiwohnens bei einem besonderen Spiel erzeugt. Dank der Verlängerung und des Elfmeterschießens wurde es zu einem besonderen Moment meiner Fußballleidenschaft. Die erstaunten Blicke, als ich berichtete, dass ich das Spiel bis zum Ende alleine im Büro verfolgt habe, sind dabei nur eine Randnotiz.

Axel Diehlmann

 

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