Ich nehm’s auf Kassette auf…

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von Björn Leffler

Neulich beim Aufräumen meines Kellers, was ich gefühlte 15 Jahre vor mir hergeschoben habe, fiel mir eine alte Schachtel mit Kassettenbändern in die Hände. Alte 120-Minuten-Tapes, wie sie noch bis Ende der 90er Jahre quasi Standard waren. Alle fein säuberlich beschriftet natürlich. Neben zahlreichen Radio-Mitschnitten der angesagtesten Musiksender (von Berliner Rundfunke bis Spreeradio war alles dabei!) waren natürlich auch ein paar Aufnahmen von Sportreportagen enthalten, die ich mir noch einmal zu Gemüte führte. Ich besitze natürlich noch einen alten Kassettenrekorder! Abgestaubt das Ding, und dann einmal eintauchen bitte in eine Zeit, die gefühlt vor zwei Jahrhunderten stattgefunden hat, aber eigentlich erst 20 Jahre her ist.

Mit meinem Kassettenrekorder habe ich in dieser Zeit nicht nur Musik und Sport aufgenommen, sondern im Grunde alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, das entsprechende Mikro war natürlich auch Teil des Equipments. Beste Voraussetzungen also, um bedeutende Dokumente der Sporthistorie aufzuzeichnen.

Hier meine persönlichen fünf Kellerfund-Favoriten:

5) UEFA-Cup Halbfinale 1995/96, Rückspiel – FC Barcelona vs FC Bayern München 1:2

Da kauerte ich auf dem Boden meines Dachbodenzimmers und fieberte mit. Das Rückspiel wurde erstmalig nicht im frei empfangbaren TV gezeigt, sondern nur auf dem „Sky“-Vorläufer „PREMIERE“. Nach dem 2:2 im Hinspiel waren die Bayern eher Außenseiter, schafften aber durch Tore von Babbel und Witeczek den Einzug ins Finale. Die Stimmung im Camp Nou war so hitzig wie die Radioreportage selbst, und beim Führungstreffer zum 1:0 grölte der – natürlich bayerische – Reporter Günther Koch völlig von Sinnen „BABBEL! BABBEL! BABBEL!“ in die Mikrofone. So stelle ich mir eine ausgewogen-objektive Berichterstattung vor. Die Bayern gewannen das Finale letztlich gegen Girondins Bordeaux.

4) Bundesliga 1996/97 – Hertha BSC vs FC Bayern München 2:1

Und wieder die Bayern, dieses Mal als geliebtes Hassobjekt. Eines der ganz großen Spiele. Natürlich war ich live im Stadion, als die frisch aufgestiegenen Preetz und Covic durch zwei Treffer vor fanatischen 76.000 im Olympiastadion die Bazis um Basler und Matthäus mit null Punkten wieder nach Hause schickten. Mein dilettantischer Versuch, das rauschhafte Erlebnis für die Nachwelt zu konservieren, gipfelte darin, die TV-Berichterstattung am Abend in „RAN“ aufzuzeichnen. Indem ich das Mikro an die Fernseherbox hielt. Klingt heute ziemlich nach Ohrenkrebs, aber die schmalzig-senfigen Kommentare von Jörg Wontorra sind es dennoch wert, noch einmal gehört zu werden. Unfreiwillige Komik in Reinkultur.

Später verfeinerte ich meine Technik und nahm direkt im Stadion auf. Ein Mitschnitt von einem anderen Sieg gegen die Bayern (Siegtor: Dardai!) ein paar Jahre später habe ich auch noch gefunden – ein eruptierendes Stadion war für mein kleines Diktiergerät allerdings etwas zu viel, außer wildem Gerausche ist auf dem Band nicht viel zu erkennen.

3) UEFA-Cup 1996/97, 1. Runde – Borussia Mönchengladbach vs Arsenal London 3:2

Meine ersten Gehversuche als Sportreporter. Das Rückspiel im Düsseldorfer Rheinstadion (Hinspiel 3:2 für die Borussen) kommentierte ich 90 Minuten in mein Mikrofon, einen Meter vor der Mattscheibe sitzend. Im Verlauf des dramatischen Spiels (die Londoner gingen in der 51. Minute mit 2:1 in Führung, ehe späte Tore von Effenberg und Juskowiak den Einzug der Folen in die nächste Runde perfekt machten) stellte ich allerdings schnell fest, dass mir die Gabe der ausgewogenen Berichterstattung nicht gegeben war. Emotionen drosseln gehört nicht unbedingt zu meinen Stärken.

Denn obgleich es nur eine Erstrundenpartie war, brüllte ich beim 2:2 und 3:2 so brachial „TOOOOOOOOOOOHAAAAAAARRRRRR“ ins überforderte Mikro, dass mir beim Anhören im Nachhinein schnell klar war, dass es mit der Karriere als Sportkommentator wohl eher nichts wird.

2) Epische Schlachten im Jugendzimmer – 1995-2000, Daniel vs Björn

Mein Zimmer war ein Eldorado für schmerzfreie Teppichfußballer. Im Miniformat. Es war schlauchförmig geschnitten, mit einer fiesen Dachschräge auf der einen Seite und ein paar hinderlichen Aufbauten hier und da (Bett, Regal, Schrank).

ABER: Die Eingangstür auf der einen und der rechteckig geschnittene Schreibtisch auf der anderen Seite der Schlucht bildeten zwei natürliche Tore. Ein Spielfeld der Leidenschaften, welches ich mit meinem besten Kumpel Daniel in jahrelangen, unerbittlichen, geradezu epischen Schlachten bearbeitet (und mehrere Male zerstört) habe. Denn: Verlieren, das war für uns beide so erträglich wie drei Wurzelbehandlungen hintereinander – ohne Betäubung.Wir führten lange Listen, wo der aktuelle Stand der ausufernden Auseinandersetzungen minutiös verzeichnet wurde.

Es ging um nichts weniger als die Ehre – und ein Eis in der nahgelegenen Heinsestraße.

Und einige dieser Schlachten haben wir natürlich auch aufgezeichnet. Beim Anhören dieser Bänder fragt man sich dann allerdings, ob Jungs im Alter zwischen 12 und 16 wirklich auf die Straße gelassen werden sollten. In unserem abgeschotteten Käfig waren wir schon ganz gut aufgehoben. Zurechnungsfähigkeit – stark vermindert.

1) Bundesliga 2000/2001 – Meister der Herzen Schalke 04

Eine unvergessliche – vermutlich DIE unvergessliche – Bundesliga-Schlusskonferenz der Geschichte. Und ich nahm alles auf. Was erst nach einem unterhaltsamen, aber letztlich doch erwartbaren Fußball-Nachmittag aussah, mutierte plötzlich in eines der größten Fußballdramen der Bundesliga-Geschichte. Busenkumpel Daniel war mal wieder zu Gast, und wir ließen es so nebenbei laufen, bis aus dem Äther plötzlich ein ekstatischer Sportreporter „Sergej Barbareeez!!“ krakeelte. Der HSV war gegen den FC Bayern in der 90. Minute 1:0 in Führung gegangen, durch eben jenen Barbarez, Schlacke war Meister.

Wir rannten wie von Sinnen zwei Stockwerke nach unten, wo meine Eltern ebenfalls am Radio hockten. Das Spiel in Hamburg lief noch, genauso wie mein Kassettenrekorder. Dann das längst bekannte, unvermeidliche. Andersson zum 1:1 für die Bayern in der 94. Minute, und aus. Daniel lag, mit dem Gesicht nach unten, auf dem Sofa meiner Eltern. Der Rest war Schweigen. Wieder die Bayern.

 

 

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