Legendenwerdung: Das WM-Finale 1986

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Zur fußballerischen Legende hatte sich Diego Armando Maradona im bisherigen Verlauf dieser Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko längst schon gespielt, da bedurfte es keiner weiteren Bestätigung durch diesen Titel. Dennoch war und blieb dieses Endspiel am 29. Juni 1986 im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt natürlich das wichtigste Spiel seiner aufsehenerregenden Karriere, in dem er endgültig den Heiligenstatus erlangte. Zumindest aus Sicht des argentinischen (Fußball-)Volkes. Denkt man an Diego Maradona, schießt einem sofort das Bild des kleinen Argentiniers in den Kopf, der in der prallen Sonne Mexikos den goldenen Weltpokal entgegennimmt und in den Himmel reckt.

Bis zu dieser majestätischen Krönung seiner Karriere war es allerdings ein langer und kein einfacher Weg. Bereits 1982 galten er und seine Argentinier als Geheimfavoriten auf den Titel. Allerdings scheiterten die Gauchos bei der WM in Spanien in der Vorschlussrunde an Brasilien und Italien, und Diego spielte ein wenig überzeugendes Turnier. Im Vorfeld der WM 1986 waren die Leistungen der argentinischen Nationalmannschaft in den Testspielen derart schwach, dass die Erwartungen im eigenen Land wenig ambitioniert waren. Nationaltrainer Carls Bilardo stand bereits auf der Abschussliste, bevor die erste Minute gespielt war.

Die Vorrunde, in einer Gruppe mit Titelverteidiger Italien, meisterten die Argentiniert souverän. Zwei Siege gegen Bulgarien und Süd-Korea, ein 1:1 gegen die „Azzurri“. Im Achtelfinale gelang ein verdientes 1:0 gegen Uruguay, gefolgt vom mittlerweile längst legendären Viertelfinale gegen England, als sich Maradona in der 51. Minute mit der „Hand Gottes“ die Führung der Argentinier regelwidrig erschlich und ganz England gegen sich aufbrachte. Und das ausgerechnet in einem Spiel, das aufgrund des Falkland-Krieges vier Jahre zuvor emotional gesehen schon enorm aufgeladen war. Auf den Rängen kam es über die gesamte Spielzeit hinweg zu Schlägereien zwischen englischen und argentinischen Fans. Vier Minuten später jedoch ließ Diego England verstummen und Argentinien im Jubelrausch versinken, als er das Tor seiner Karriere erzielte, ein Slalomlauf, der in der eigenen Hälfte begann und erst endete, als er die halbe englische Mannschaft ausgetanzt und den Ball im Tor untergebracht hatte. Argentinien siegte 2:1 und traf im Halbfinale auf die starken Belgier.

In diesem Spiel machte einzig und allein Maradona den Unterschied, obwohl die Mannschaft mit Spielern wie Burruchaga und Valdano stark besetzt war. Maradona erzielte das 1:0 kurz nach der Pause und das 2:0, in ähnlicher Manier wie beim Slalomlauf gegen England, in der 63. Minute. Das Tor gegen England wurde in einer Umfrage der FIFA vor einigen Jahren zum Tor des Jahrhunderts gewählt. Sein 2:0 gegen Belgien landete in diesem Ranking auf Platz vier.

Argentinien war also im Verlauf des Turniers durch beeindruckende Auftritte als Mannschaft und seiner Einzelspieler zum absoluten Titelfavoriten avanciert. Im Finale, das um 12:00 Uhr Ortszeit angepfiffen wurde, in der größten Mittagshitze, wartete überraschend Vizeweltmeister Deutschland.

Die Mannschaft von Teamchef Beckenbauer hatte sich, wie schon vier Jahre zuvor, durch die Vorrunde gequält und dann im Achtelfinale mit quirligen Marokkanern mehr Probleme gehabt als erwartet, ein Matthäus-Freistoßtor kurz vor Schluss rettete die Schwarz-Weißen in die Runde der letzten Acht. Im Viertelfinale wurden die starken Gastgeber im Elfmeterschießen besiegt. Alle deutschen Schützen trafen, Toni Schumacher hielt gleich zwei Elfmeter in der Hölle von Monterrey, Endstand 1:4 aus Sicht der Mexikaner.

Im Halbfinale waren die Deutschen dann klarer Außenseiter gegen die brillanten Franzosen um Spielmacher Platini, bestätigten hier aber ihre aufsteigende Form aus dem Mexiko-Spiel und zeigten eine starke Partie, welches durch ein Freistoß-Tor von Andreas Brehme bereits in der 9. Minute belohnt wurde. In der ersten Hälfte hätte Völler sogar noch erhöhen können, in der zweiten Halbzeit drängten dann die Franzosen auf den Ausgleich, allerdings ohne sich dabei wirklich klare Torchancen erspielen zu können. Die Équipe Tricolore, die im Viertelfinale noch in einem der atemberaubendsten Viertelfinals der WM-Geschichte Top-Favorit Brasilien im Elfmeterschießen aus dem Turnier gekegelt hatte, war kräftemäßig am Ende und konnte nichts mehr zusetzen, so dass Völler in Minute 90 noch überlegt zum 2:0 einnetzen konnte.

Aufgrund der spielerischen Überlegenheit und der klareren Ergebnisse sowie der überragenden Einzelkünstler in ihren Reihen waren die Argentinier im Finale klarer Favorit. Wenn man die Aufstellung der Deutschen heute sieht, wird aber auch schnell klar, dass diese deutsche Mannschaft das Finale nicht nur durch Glück erreicht hatte. Toni Schumacher, Lothar Mathäus, Andreas Brehme, Karl-Heinz Rummenigge oder Rudi Völler stellten eine durchaus schwer zu schlagende Truppe dar.

Das Finale gestaltete sich dann auch vorerst ausgeglichen, bis die Argentinier nach einem schweren Patzer Schumachers, der bis dahin der feste Rückahlt des Teams gewesen war, 1:0 in Führung gehen konnten. Mit 1:0 ging es in die Pause, und als nach dem Wechsel Valdano das 2:0 erzielte, war der Kuchen mutmaßlich gegessen. Die Deutschen packten aber nun, der sengenden Hitze trotzend, ihre ureigenen Tugenden aus und krampften sich zurück ins Spiel. Erst war es Rummenigge, der nach einer Ecke von Brehme das 1:2 reingrätschte (74.), dann schlug Rudi Völler zu, erneut nach einer Brehme-Ecke. Der Bremer köpfte in der 81. Minute zum vielumjubelten 2:2 ein. Die Deutschen waren wieder im Spiel, Argentinien schien konsterniert.

Ein Auszug aus dem TV-Orginalkommentar von Rolf Kramer schildert die Dramaturgie dieses Endspiels aus deutscher Sicht: „Ist denn das die Möglichkeit … schauen Sie sich das an: wieder eine Ecke, wieder eine Kopfballvorlage, sie schlagen sie da, wo sie unschlagbar schienen, in der Luft bei hohen Bällen und da fliegt der Pumpido durch die Gegend. Und jetzt … steh‘ ich auf … und die deutsche Bank, ja der FIFA-Mann ist da, er will’s verhindern: Horst Köppel, die Ersatzspieler, Franz Beckenbauer, aaalle sind aufgesprungen. Der Torschütze, die beiden, die angeschlagen sind: Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler die machen hier die Tore – 2:2, 81. Minute und es wäre billig, ich verkneif’s mir zu sagen, dass wir nicht aufgesteckt haben – ich tu’s ja doch; bitte um Entschuldigung!

Die Deutschen drängten nun noch vor der Verlängerung auf das 3:2 und öffneten ihre Abwehr, was Diego Maradona, bis dahin kaum zu sehen und von Lothar Mathäus quasi komplett aus dem Spiel genommen, nur drei Minuten nach dem 2:2-Ausgleich die Möglichkeit zu einem genialen Pass in den Lauf von Stürmer Jorge Burruchaga verschaffte. Der Argentinier, verfolgt vom verzweifelt hinterher hechelnden Hans Peter Briegel, lief auf Schumacher zu und behielt die Nerven. Auch bei Kommentator Rolf Kramer half alles Bangen nichts: „Toni, halt den Ball… Nein!

Mit dem späten 3:2 war das Spiel entschieden. Die Deutschen bäumten sich noch ein weiteres Mal auf, konnten ihre taktische Undiszipliniertheit, den naiven Siegeswillen, den sie bitter bezahlten, nicht mehr revidieren. Nach dem Schlusspfiff brachen im Aztekenstadion alle Dämme. Argentinien war verdienter Sieger der 13. FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft und somit zum zweiten Mal Weltmeister. Die Deutschen verloren ein Spiel, welches noch heute als eines der besten und dramatischsten WM-Endspiele aller Zeiten gilt. Aber sie verloren es letztlich verdient, denn wirklich weltmeisterlich waren die Auftritte im Verlaufe des gesamten Turniers eben nicht. Sie sollten sich, vier Jahre später dann, wieder gegen Argentinien, revanchieren können und mit einer reiferen, spielerisch und taktisch talentierteren Mannschaft den begehrten dritten Titel holen.

Am 29. Juni 1986 aber war Diego Armando Maradona der verdiente und unumstößliche König der Fußball-Welt. Er hatte auf einem Niveau gespielt und gezaubert, welches er – zumindest in der Nationalmannschaft – so nie wieder würde erreichen können. Es ist eben dieser Titel, der noch heute den Unterschied zwischen ihm und dem mindestens ebenso talentierten Lionel Messi ausmacht. Ein Vergleich, den sich Messi wohl gefallen lassen muss, bis er irgendwann selbst den goldenen Pokal in Händen hält. Andernfalls wird er wohl der „Unvollendete“ bleiben, trotz all seiner Genialität. Michel Platini, Zico oder Johan Cruyff können ein Lied davon singen.

Diego Maradona kennt ebenfalls viele Lieder, dieses allderdings nicht. Am 29. Juni 1986 hörte man auf, es zu singen. Man begann, von Diego dem „Göttlichen“ zu sprechen.

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