Meine Karte vergesse ich immer nur gegen Borussia…

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von Björn Leffler

Es ist mir nur zweimal in fast zwanzig Jahren passiert, dass ich meine Eintrittskarte für ein Hertha-Spiel vergessen habe.

Beim zweiten Mal war ich zwar schon auf dem Weg ins Stadion, konnte aber durch eine halsbrecherische Autofahrt durch Berlin-Mitte die Situation noch halbwegs retten (während meiner Rowdy-Tour ließ ich noch einen lautstark protestierenden Verkehrspolizisten stehen und trat das Gaspedal in Richtung Olympiastadion voll durch). Leider war die vergessene Karte, die ich durch Umkehren und Missachtung der Straßenverkehrsordnung dann doch noch dabei hatte, nicht der negative Höhepunkt des Abends. Mit nur vierminütiger Verspätung erreichte ich meinen Sitzplatz im Block A und musste dann mitansehen, wie sich meine stark abstiegsgefährdete Hertha im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen die klar favorisierten Gladbacher abmühte. An diesem kalten Februarabend stellten wir lange das bessere Team, Kapitän Niemeyer traf in der 62. Minute per Flachschuss nur den Pfosten. Der Rest ist bekannt: durch eine Schauspieleinlage von Igor de Camargo ergaunerten sich die sympathischen Fohlen vom Niederrhein einen Elfmeter und machten den Einzug ins Halbfinale perfekt. Wir schieden aus und stiegen am Ende der Saison in der Düsseldorfer Chaosnacht ab.

Fünf Jahre vorher stellte sich die Situation völlig anders dar: Es war ein herrlicher Spätsommertag, ein 22. September der allerbesten Sorte. Sonnenschein, Samstag, Heimspiel im Olympiastadion, herrlich. Gegner: Borussia Dortmund. Ein Traum also, und ich schob frohen Mutes meine Dauerkarte in das Lesegerät, um dann verwundert festzustellen, dass das Lämpchen rot aufleuchtete. Erst vermutete ich noch einen Fehler der neuen, zur WM 2006 installierten, elektronischen Ticketlesegeräte. Aber auch nach mehrmaligem Hineinschieben der Plastikkarte blieb das Lämpchen rot.

Ich sah auf die Dauerkarte und las die entscheidenden Worte: „Saison 2006/07“. Mir trat der Schweiß auf die Stirn, als ich realisierte, dass ich die Dauerkarte der Vorsaison – vom Layout her quasi kaum zu unterscheiden – eingesteckt hatte. Die Panik, die mir urplötzlich in den Kopf stieg, versuchte ich zu unterdrücken. Es war eine Situation eingetreten, die es so zuvor noch nie gegeben hatte: ich stand vor dem Olympiastadion, meinem Olympiastadion, und hatte kein gültiges Ticket für das Spiel. Die aufkommende Schnappatmung unterdrückend, die schweißnassen Hände am T-Shirt abwischend, suchte ich nach Lösungen.

Da das Spiel im Jahre 2007 stattfand, als die Borussia noch von Thomas Doll trainiert wurde und nicht von Jürgen Klopp, gab es einen entscheidenden Vorteil: das Spiel war nicht ausverkauft. Etwas über 52.000 Fans hatten den Weg ins Stadion gefunden. Es war die Zeit vor der Kloppomania, seit der die Fans von Borussia Dortmund jedes Bundesliga-Stadion wie ein Heuschreckenschwarm überfallen und einnehmen. 2007 hingegen fehlten noch tausende dieser nur wenig später plötzlich aus dem Boden sprießenden „all time die hard“-Fans, und so hatte ich immerhin die Möglichkeit, ein Ticket an der Tageskasse zu erwerben.

Das Problem war nur: ich hatte kein Geld, und in nur 15 Minuten war Anpfiff. Der nächste Bankautomat war etwa 25 Minuten Fußweg entfernt. Würde ich jetzt losrennen, würde ich einen großen Teil der ersten Hälfte verpassen, aber ich könnte es immerhin noch ins Stadion schaffen. Ich nestelte nervös mein Portemonnaie hervor um die EC-Karte herauszuholen, um mit immer blasser werdender Gesichtsfarbe festzustellen: alles, was ich dabei habe, ist meine Dauerkarte und ein BVG-Monatsticket. Das BVG-Ticket immerhin war gültig.

„Ich bin am Arsch!“, dachte ich und suchte nach einer anderen Lösung. Dann hatte ich den rettenden Einfall. Meine Eltern waren schon im Stadion, aber die könnten mir Geld nach draußen bringen, wenn sie denn mein Klingeln hören würden. Ich versuchte es auf ihren Handys – nichts. Ich klingelte mehrfach an – keine Chance. Sie hörten mich nicht. Drinnen wurde bereits die Hymne angespielt, ich hörte die mächtige Ostkurve einfallen. Ich schwitzte heiß und kalt, meine Knie zitterten. Das Handy durchgehend am Ohr.

Glücklicherweise komme ich aus einer Familie, in der auch Opa, Tante und Cousine regelmäßig den Weg ins Stadion finden, und so konnte ich immerhin meine Tante erreichen, kurz vor dem Anpfiff. Und, Gott war’s gedankt, sie hatte noch 30 Euro dabei. Mit hochrotem Kopf kam sie zum Osttor gelaufen, streckte mir die Scheine durch die Gitterstäbe hindurch und gab mir damit das Eintrittsticket ins (vermeintliche) Glück.

Nach so einer Vorgeschichte und vollkommen überflüssig ausgegebenen 20 Euro verliert man so ein Spiel ja normalerweise, aber an diesem großartigen Spätsommertag sollte sich meine Hartnäckigkeit auszahlen. Die Borussia ging durch Mladen Petric zwar in Führung (31. Minute), aber durch Treffer von Patelic (43.) und Lucio (54.) konnten wir das Blatt verdient wenden.

 

Und dann folgte, völlig unerwartet, eines der schönsten Hertha-Tore der jüngeren Vergangenheit, als sich der entfesselte Solomon Okoronkwo durch die komplette Dortmunder Abwehr dribbelte, gefühlte sieben Mal den richtigen Moment zum Abspiel oder Abschluss verpasste, um dann trotzdem eiskalt zum 3:1 einzuschieben. In diesem Moment, in irgend einem Jubelknäuel hängend, schrie ich nur ins Stadion hinein: „Scheiß auf die 20 Euro! Scheiß drauf, scheiß drauf, scheiß drauf!“ Und dann immer wieder „Solomooooooooon! Solomoooooooooon!“

 

All jene, die an diesem Nachmittag dabei waren, werden das legendäre Tor des einzigen Bundesliga-Spieler mit sieben „O“ im Namen nicht vergessen haben. Für alle anderen gibt es hier nochmal die bewegten Bilder, als kleines Warmup für das heutige Freitagabend-Duell zwischen Borussia Dortmund und Hertha BSC.

Aber an Thomas Doll und Solomon Okoronkwo denkt längst niemand mehr. Ein bisschen schade eigentlich.

 

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