Sie nannten ihn Acker

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Der Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde gestern in den Aufsichtsrat von Hannover 96 gewählt. Die Hannoveraner haben sich damit einen ganz besonderen Kerl in die Gremien geholt, der auch fußballerisch so einiges auf dem Kerbholz hat.

Hannover 96 hat es vollbracht. Zwei Erfolgsmeldungen innerhalb von zwei Tagen hört man derzeit nicht mehr so häufig von der Leine. Neben dem 2:1-Erfolg beim VfB Stuttgart am Montag-Abend, der die Roten mit dem schwarz-grünen Vereinswappen wieder vollends in die Spur Wiederaufstieg brachte, war insbesondere die gestrige Nachricht aus vereinspolitischen Sphären eine kleine Feierstunde wert. Neuer Aufsichtsratsvorsitzender ist seit gestern der Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder, der mit seinen politischen Einflussmöglichkeiten und medialer Strahlkraft dem Verein zum alten Glanz verhelfen soll. Mit Schröder holt sich Hannover 96 jedoch nicht nur irgendeinen ehemaligen Staatsmann ins Boot, sondern einen politischen und fußballerischen Lokalhelden Niedersachsens.

In seiner Amtszeit als Bundeskanzler von 1998 bis 2005 war die Verbindung Schröders zum Fußball offenkundig. Kaum eine fußballerische Großveranstaltung, der er fernblieb und kaum eine Gelegenheit, die er ausließ, gegen das runde Leder zu treten. Es muss für ihn ein harter Schlag gewesen zu sein, die von ihm heiß ersehnte Fußball-WM im eigenen Land nicht mehr staatsmännisch begleiten zu dürfen und der damals noch eher unbedeutenden Angela Merkel den Vortritt und damit auch den Logenplatz überlassen zu müssen. Immerhin war und ist Fußball prägnanter Teil seines Lebens.

Geboren im niedersächsischen Dorf Mossenburg, war der TUS Talle 1923 der Heimatverein von Gerhard Schröder, in den er 1956 eintrat und diesen während seiner aktiven Laufbahn bis 1971 sogar bis in die Bezirksliga führte. Im Kreis Lippe-Detmld machte sich Schröder alsbald den Ruf eines relativ guten Mittelstürmers, der in bester Uwe-Seeler-Manier die gegnerischen Strafräume umpflügte und einige Bälle über die Linie wuchtete.

„Sie nannten mich ‚Acker‘, weil ich mich immer voll reingehängt habe, und ich gebe zu, ich war schon ein bißchen stolz auf den Spitznamen. Über den Kampf zum Spiel finden, war meine Devise“

Seine sportlichen Leistungen brachten ihm dann auch den ersten Chauffeur seines Lebens ein. In der Zwischenzeit nach Göttingen zum Jura-Studium umgezogen, wurde er vom damaligen Vorsitzenden des Vereins TUS Talle 1923 zu Training und Spiel abgeholt. Auf die Dienste des flinken und wendigen Schröder konnte der Verein schlichtweg nicht verzichten. 1971 verabschiedete sich Schröder letztendlich von der fußballerischen Bühne der Kreisklasse zugunsten seines Studiums und seines politischen Engagements. Fortan war er nur noch Wegbegleiter des Fußballgeschäfts, wobei seine Einflüsse auf eben jenes stetig wuchsen. Seine politische Karriere verhalf ihm dann auch zu den Begegnungen, die ihm auf den Platz verwehrt geblieben sind. Franz Beckenbauer, Michel Platini und Pélé wollten nun auch mal mit ihm kicken und Schröder durfte unter seinem Pseudonym „Der Acker“ mit seinen fußballerischen Ausbrüchen im schnieken Anzug nun weltweit für Aufsehen sorgen.

Auch nach seiner Kanzlerschaft und dem amüsanten Abgang während der Elefantenrunde nach der Bundestagswahl von 2005 ist Schröder dem Fußball weiterhin treu geblieben und tauchte dabei vorzugsweise auf der Ehrentribüne von Hannover 96 und Borussia Dortmund auf. Nun ist er als Aufsichtsratsvorsitzender von Hannover 96 in den sportpolitischen Sphären der 2. Bundesliga präsent und wird versuchen, seine Kontakte, die er als Politiker und späterer Lobbyist knüpfen konnte, zugunsten der Hannoveraner einzusetzen. Für Hannover 96 könnte der gestrige Tag ein Wegbereiter für eine wirtschaftlich bessere Zukunft sein – eventuell polieren sie ihr sportliches Verschwinden im Niemandsland aber auch nur mit ein paar wohlbekannten Namen aus. Insbesondere spannend daran ist jedoch, wie lange es dauern wird, bis Gazprom ebenfalls bei Hannover 96 in den Gremien vertreten ist. Schröder wird jedenfalls in altbewährter Basta-Manier seine Erfahrung und Netzwerke einbringen und den Verein so weit es geht seinen Vorstellungen entsprechend umkrempeln, denn wie sagte er selbst einmal: „Man kann es so oder so machen. Ich bin für so.“

 

Axel Diehlmann

 

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