Sitzbänke, Zigarettenkippen und weit und breit kein Familienblock!

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90er (6)

Ein bildhafter Rückblick in eine Zeit, als noch das Spiel auf dem Rasen die Emotionen vorgab, und nicht der „Capo“.

von Björn Leffler

Hertha BSC hat trotz der knappen Niederlage am vergangenen Samstag in Leverkusen zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder die Möglichkeit, an den letzten zwei Spieltagen um die Teilnahme an der Champions League mitzuspielen. Punktgleich mit den derzeit viertplatzierten Mönchengladbachern trennt sie derzeit nur die schlechtere Tordifferenz von der ersten Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation seit 1999. Damals zogen die Hauptstädter durch ein 2:0 und 0:0 gegen Anarthosis Famagusta in die Gruppenphase der Champions League ein und überstanden prompt die erste Runde, um dann in der zweiten Gruppenphase am FC Barcelona und dem FC Porto zu scheitern, ein ehrbares Ergebnis für einen Debütanten im Club der Großen.

Seitdem versuchte der Verein wiederholt erfolglos, den Einzug in die Königsklasse erneut zu realisieren, scheiterte aber mehrfach denkbar knapp. In Zeiten, in denen die Konkurrenzfähigkeit auf nationaler und internationaler Ebene mehr denn je davon abhängt, welche zusätzlichen Einnahmequellen die Vereine anzapfen können, gilt ein Einzug in die Champions League als Investitionsmöglichkeit in die zukünftige Mannschafts- und Vereinsentwicklung. Und es ist die Basis für die Etablierung im gehobeneren Wettbewerbstableau.

Als Hertha BSC letztmalig Platz 3 und damit die Champions-League-Qualifikation gelang, war der Fußball bereits auf dem Weg in die heutige, allumfassende und ausdauernde Vermarktungsmaschinerie. Aber er war eben erst auf dem Weg. In den Stadien dieser Zeit fanden sich noch verwitterte Tribünen, Sitzbänke anstatt moderner Designer-Sitzschalen, Leichtathletik-Laufbahnen in einem Großteil der Bundesliga-Arenen und vor allem eine ganz große Portion Individualismus.

Der Support der Teams war genauso wenig durchstandardisiert wie das Rahmenprogramm am Spieltag, die Architektur der Bundesliga-Stadien oder das Catering im und am Stadion. Die Emotionen waren in dieser Zeit deutlich mehr davon bestimmt, was auf dem Spielfeld passiert und nicht davon, was der „Capo“ der Fankurve gerade vorgibt. Es gab auch keinen „Familienblock“ (…sei es nun der „Langnese-Familienblock“ oder der „DKB-Familienblock„), keine Nichtraucherblöcke, in die Tribünen integrierte Kinderparadiese oder digitalisierte Werbebanden.

Wir sagen hier nicht, dass wir den Fußball der 90er Jahre so wiederhaben wollen, wie er war. Aber ein Schuss mehr Anarchismus, Unberechenbarkeit und vor allem Unverwechselbarkeit würde dem oft so berechenbaren Spiel von heute durchaus gut tun. Unsere Bilderstrecke zeigt das Berliner Olympiastadion während der Saison 1998/99, als den Berlinern der Einzug in die Champions League mit spielerischer Leichtigkeit gelang. Jeder, der damals schon dabei war, weiß ganz genau, dass weder Laufbahn, flache Ränge oder fehlende Business Seats der damals atemberaubenden Atmosphäre während der Heimspiele etwas anhaben konnten. Das Olympiastadion brannte, und das bekamen auch die Großen der Branche zu spüren: Bayern, Dortmund, Schalke, sie alle wurden zu null nach Hause geschickt. In einer Zeit, als Hertha BSC in Berlin eine überbordende Begeisterung entfachen konnte.

Es liegt an der heutigen Mannschaft, dies zu wiederholen. Leider hat sie dies nun nicht mehr in der eigenen Hand. Ein Blick zurück auf die Ära von Röber, Preetz, Wosz und Dardai kann sie ja möglicherweise motivieren… Eines allerdings bleibt hier doch noch festzuhalten. An kalten Dezembertagen zwei Stunden vor Spielbeginn die besten Plätze sichern zu müssen, weil auf der Karte „Kurve – freie Platzwahl“ stand, das ist tatsächlich nichts, was wir sonderlich vermissen!

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