Unsere eigenen Fußballbiografien

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von Martin Lüthe

Jeder kennt ihn: diesen Typen, der in der Jugend mal “Euro Eddie”, Lukas Podolski oder Marcel Schmelzer richtig vorgeführt hat. Und zwar nicht nur mit einem Trick oder in einem bestimmten Zweikampf, sondern eine Halbzeit lang oder gar die ganzen 90 Minuten!

Irgendwie, hört man dann, hätte da keiner gedacht, dass Eddie, Lukas oder Marcel einmal Fußballprofis werden würden und nicht XY. Und weiter, hört man dann, dass das – ganz im Ernst – einfach der beste Kicker war, gegen den und/oder mit dem man mal gespielt hat.

Und irgendwo auf dem langen Weg nach oben ist dann was schief gelaufen. Meistens wurde XY von seinem B- oder A-Jugendtrainer auf die falsche Position gestellt, weil der ihn nicht mochte oder XY hat sich einmal sehr dumm verletzt und kam dann nicht wirklich wieder oder – die häufigste Variante – während Eddie, Lukas und Marcel mit 14, 15 und 16 Jahren immer noch nur Fußball im Kopf hatten, fielen XY der Alkohol und die Mädchen in die Hände oder die andere Sorte Gras, die die man raucht.

Wenn XY doch nur ein einziges Mal an einem Sonntag für das Sondergruppenspiel in der A-Jugend nüchtern und nicht verkatert hätte sein können, dann….ja dann. Während der Wahrheitsgehalt dieses Typus von Erzählung bestimmt variiert, ist es doch interessant, dass der Typus kaum variiert. Diese Geschichte kennen und erzählen wir alle und, ich persönlich, liebe diese Geschichte. Egal in welchem Grade von Abgedroschenheit mir jemand sie nach dem egal-wievielten-Bier oder Longdrink erzählt, ich hänge an seinen Lippen.

Warum? Was macht den Reiz dieser beinahe biografischen Erzählung von und mit dem Fußball aus?

Ganz allgemein sind Erzählungen und besonders solche, die ein bestimmtes Muster haben, eine gute und weitverbreitete Praxis, um Gemeinschaft zu erzeugen. Und genau dazu taugt der Fußball ja nahezu in all seinen Facetten. Ob im tatsächlichen Spiel, im Stadion, in der Stammkneipe oder eben im Gespräch über ihn. Viele dieser Prozesse finden ja auch genau deshalb gleichzeitig statt und es vergeht kaum ein Hobbykick, ohne dass man über den vergangenen Bundesliga- oder Champions-League-Spieltag redet. Jenseits dieser praktischen Qualität, glaube ich, taugt diese Erzählung aber auch inhaltlich ganz besonders und befriedigt gleich ein ganzes Bündel an Bedürfnissen beim Erzähler und seinem Publikum.

Erstens, und ganz platt, dokumentiert diese Mustererzählung eine Vertrautheit mit der fußballerischen Praxis und der eigenen fußballerischen Vergangenheit aus: man war immer schon ein Kicker, man war mal ein ziemlich guter Kicker oder man kennt jene, die es mal waren. Zweitens, aber, drückt diese Geschichte in seiner rückwärtsgerichteten Verfasstheit eine für unsere Gesellschaften nicht untypische Nostalgie aus für Momente von vermeintlicher oder relativer Unschuld, sowohl in unseren Gesellschaften als auch in unseren eigenen Biografien. Und hierfür taugt der Fußball – in seiner Polarität – natürlich optimal: auf der einen Seite der für unsere Gesellschaften so symptomatisch durchgetaktete und überbürokratisierte Leistungssport und auf der anderen Seite unser wildes jugendliches Rumgekicke, mit seinen eigenen Freuden und den dazu passenden Helden des Bolzplatzes – vermeintlich frei von Korruption, Marketing und kapitalistischer Korrumpierung!

Interessanterweise lässt dieses Erzählmuster des hochbegabten Gescheiterten aber auch noch eine andere Interpretation zu, in dessen Zentrum der stetig kleiner werdende Möglichkeitsraum unserer Leben steht, den wir schlichtweg „älter werden“ nennen. Und dieser Prozess der schwindenden Wahrscheinlichkeiten eines ganz anderen, eigenen Lebens ist kaum irgendwo so schnell vollzogen wie dort, wo es um an den Körper gebundene Leistungsfähigkeit geht, also im Sport.

Um darüber nachzudenken und die Welt des Fußballs oder die Welt mit dem Fußball zu erklären, dafür werden wir – zum Glück – nie zu alt.

 

Unser Gastautor Martin Lüthe ist gebürtiger Aachener und bezeichnet sich selbst als fußballerisch ewig Suchenden, sowohl nach der eigenen Fan-Seele als auch nach dem Sinn des schönen Spiels. Er ist Borussia-Mönchengladbach-Sympathisant, vor allem aber Moabits größter Roberto-Baggio-Fan! Ihr findet Ihn von nun an auch auf unserer Redaktion-Seite.

 

martin lüthe

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