Zwei Jahre später…

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Es war der 13. Juli 2014, an dessen Abend ein gewisser Mario Götze sich in die Geschichte des deutschen Fußballs einschrieb und Teil eines kollektiven Gedächtnisses wurde. Mario Götze erzielte in der Verlängerung des Finalspiels gegen Argentinien nach einer starken Ballannahme volley das erste und entscheidende Tor und wurde damit für viele unsterblich. Es war der große Moment einer Sportlerkarriere, die seitdem arg ins Stocken geraten ist und nun am Scheideweg steht.

„Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi“ soll Joachim Löw ihm vor seiner Einwechslung im Endspiel gegen Argentinien ins Ohr gesäuselt haben. Diese Aussage repräsentierte sowohl das vorhandene Selbstbewusstsein von Götze selbst als auch die kollektiven Zuschreibungen in Richtung seiner spielerischen Fertigkeiten. Da war einer drauf und dran am ganz großen Rad der Fußballgeschichte zu drehen und nur wenige verwiesen dementsprechend die Vergleiche zwischen Messi und Götze in den Bereich der Fabelwelt. Die Dimensionen, in denen sich Götze bewegte, waren auf der obersten Ebene angesiedelt. Im Sommer 2010 trat Götze erstmals so richtig auf der Bundesliga-Bühne in Erscheinung und war maßgeblicher Bestandteil der Dortmunder Meistermannschaft von 2011 und 2012 – eben jener Mannschaft, die die Bayern maßgeblich zu ihren heutigen Erfolgen gereizt hat. Trainer, Mitspieler, Fans und Medien waren allesamt begeistert und sahen in ihm das neue deutsche Aushängeschild des Weltfußballs.

Die Bayern wollten sich dieses Schild natürlich an die eigene Türe heften, insbesondere da Mario Götze zwar aus der BVB-Jugend den Sprung ins deutsche Oberhaus geschafft hat, aber aus dem kleinen bayerischen Städtchen Memmingen kommt. Und so wurde im April 2013 die Ausstiegsklausel des Arbeitspapieres zwischen Götze und Borussia Dortmund durch Bayern München gezogen. Das dies ein mittelschweres Erdbeben im Dortmunder Fanlager und in der deutschen Sportöffentlochkeit auslösen würde, musste Mario Götze damals bewusst gewesen sein. Er stand zwischen den Stühlen der Vergangenheit und der Zukunft und war konfrontiert mit einer emotionsgeladenen Stimmung, die aus der damaligen unmittelbaren Konkurrenzsituation der beiden Vereine geboren wurde. Damals entscheid er sich für den Weg des geringsten Widerstands: die Entscheidung so lange wie möglich geheim halten und im besten Fall erst nach Abschluss der Saison die Information unters Volk bringen. Die offene Kommunikation seines Transfers traute er sich nicht zu – zu angespannt war die Stimmung zwischen den beiden Vereinen. Dies führte dazu, dass kurz vorm CL-Halbfinale des BVB gegen Real Madrid die „Bombe“ platzte, die Anhänger der Borussia vor vollendete Tatsachen gestellt wurde und der allgemeine Schockzustand den Verein zu lähmen drohte. Die Enttäuschung wurde aufgefangen durch eine der legendärsten Reden von Jürgen Klopp und einem sagenumwobenen Spiel gegen Real Madrid, in dem sich Robert Lewandowski als neuer Held manifestierte. Die Enttäuschung war spätestens ab diesem Zeitpunkt in Trotz und Zorn übergegangen. Fortan wurde Mario Götze als Verräter behandelt und vom Hof gejagt.

Seine erste Saison bei den Bayern 2013/14 war geprägt von Schwankungen, Verletzungen und einigen glanzvollen Momenten. Der richtige Durchbruch gelang ihm zwar nicht, aber das Potential war unübersehbar und so sollte es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis sich Götze bei den Bayern akklimatisieren würde. Er fuhr zur Weltmeisterschaft nach Brasilien als das, was er bei Bayern München 12 Monate lang war: ein Versprechen für die Zukunft, welches auf Einlösung wartet.

Am 13. Juli 2014 wurde dieses Versprechen scheinbar eingelöst. Götze war auf dem Gipfel der öffentlichen Aufmerksamkeit, er war der neue fußballerische Kristallisationspunkt einer neuen goldenen Generation. Fortan wurde er nicht mehr als Talent überbordenden Potentials eingeordnet, sondern als Weltklasse-Fußballer, der in jeder seiner Spielsituationen seine Klasse aufzeigen müsse. Jeder Kunstschuss war erwartbar, jeder Fehler ein Skandal: eine Gemengelage, die ihm offenbar nachhaltig geschadet hat. Hierin könnte zumindest ein Aspekt liegen, der seinen Stillstand und Rückschritt von der Spitze ausgelöst haben könnte. Denn zwei Jahre später drängt sich der Eindruck auf, dass Götze nur noch ein Schatten des Jungspundes ist, der mit Tempodribblings, technischer Versiertheit und Spielintelligenz die gegnerischen Abwehrreihen narrte. Den Erwartungen wurde er seitdem jedenfalls nur noch temporär gerecht und manövrierte sich damit mehr und mehr aufs Abstellgleis bei den Bayern. Pep Guardiola vertraute – nachdem er ihn unbedingt 2013 in seinem Kader wissen wollte – schon längst nicht mehr auf den etwas pummleig wirkenden Spielgestalter. Im Frühjahr soll ihm auch Carlo Ancelotti Götze verdeutlicht haben, dass er nicht mehr mit ihm plane. Götze rettete sich nur Nationalelf zu seinem letzten Unterstützer: Joachim Löw.

In der Nationalmmanschaft wirkten sich seine Meriten weiterhin aus. Er war unumustrittener Stammspieler, egal ob nun falsche Neun oder im Mittelfeld – Löw setzte auf ihn und widerstand dabei dem Druck der Öffenlichkeit, die ihn schon längst abgeschrieben hatte. Nach zwei mageren Auftritten bei der diesjährigen Europameisterschaft schien nun auch dieser Kredit aufgebraucht. Götze musste für seinen Gegenentwurf weichen: Mario Gomez kehrte ins Team zurück und überzeugte. Damit wurde auch der letzte Plan Götzes, sich über die Nationalmannschaft auch wieder bei Bayern anzubieten, hinfällig. Seine Zeit in München neigt sich damit dem Ende. Er wird als gescheitertes Talent in die Vereinsgeschichte von Bayern München eingehen.

Sein Standing auf dem Transfermarkt ist damit nicht das beste. Die großen Vereine misstrauen seiner Durchsetzungskraft und scheuen das finanzielle Risiko, welches mit seiner Verpflichtung zusammenhängen würde. Dadurch traten eigentlich nur noch zwei Optionen auf die Bildfläche, die auf Basis persönlicher Erfahrung mit Mario Götze wieder zusammenarbeiten würden wollen. Jürgen Klopp und Borussia Dortmund. Klopp scheiterte jedoch mit dem Liverpool FC im Finale des UEFA-Cups und verpasste damit die Qualifiaktion für die großen Geldtöpfe der Champions-League. All den Vorschusslorbeeren zum Trotz könnte genau an diesem Punkt ein möglicher Transfer scheitern, auch wenn die Kassen bei den Reds nicht unbedingt als leer zu bezeichnen sind. Für Götze jedoch wäre rein sportlich nur Jürgen Klopp ein Mehrwert, während der Schritt ins Ausland mit dem Risiko verbunden ist, den Anschluss zu verlieren und final zu scheitern. Bliebe noch Borussia Dortmund als Ausbildungsverein und Ort seiner größten Triumphe. Die ambivalenten Positionen im Verein und in der Anhängerschaft des BVB zu einer Rückkehr des geliebten und verdammten Sohnes sind hinlänglich bekannt. Und doch steckt hierin für ihn eigentlich der sicherste Schritt zurück auf die große Fußballbühne. Ein Umfeld, das ihm bekannt ist und Mitspieler, mit denen er befreundet ist im Verbund mit einem Trainer, der dafür bekannt ist, Fußballer weiterzuentwickeln. Hinzu käme eventuell die Motivation einige Missverständnisse gerade zu rücken. Sollte dies so sein, gebührte im der tiefste Respekt.

Mario Götze im BVB-Trikot? Nichts könnte seine Situation am Scheideweg mehr symbolisieren als dieses Transfergerücht, welches immerhin seit vier Monaten durch die Gazetten geistert. Es wäre ein Weg der größtmöglichen Herausforderung, ein Weg der offenen Konfrontation mit der Vergangenheit. Er könnte demonstrieren, dass er erwachsen geworden ist und zu seinen Entscheidungen, Handlungen und Illusionen steht. Unabhängig davon, ob es eine erfolgreiche Zeit für ihn beim BVB wäre, würde ihn die Rückkehr persönlich weiterbringen – weiter als sein Tor im WM-Finale auf den Tag genau vor zwei Jahren.

Axel Diehlmann

 

 

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