Zwischen Taktik und FairPlay

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Seit Samstag-Abend kennt die Bundesliga eigentlich nur noch ein Thema: Wurde die Mannschaft des BVB in ihrer Schaffenskraft von den Leverkusenern mit unlauteren Mitteln eingeschränkt oder offenbart sich in der Kritik Thomas Tuchels an der Gangart des Teams von Roger Schmidt nur eine beleidigte-Verlierer-Attitüde. Schnell kommen wieder die Besserwisser von allen Seiten aus den Löchern gekraucht.

Die Bühne war bereitet. Nach dem leicht überraschenden Remis des FC Bayern gegen die Kölner Geißböcke stürzten sich die gängigen Medien auf die nunmehr anstehende Abendpartie der Dortmunder Borussia, als würde eine Wachablösung im deutschen Fußball anstehen. Eine Stunde zwischen den Partien reichte aus, um ein allgemeines Hochgefühl angesichts der anstehenden Konkurrenzsituation zu konstruieren und die Leverkusener ob eines wankelmütigen Saisonstarts zu einer Fußnote des Saisonalltags für den BVB zu degradieren. Es war ein zweifelhaftes Vergnügen, dass einige Vertreter  aus Presse und Fernsehen dem BVB da bereiteten, um so mehr, als nach der Niederlage in Leverkusen die Fallhöhe offenbar ins Unermessliche gestiegen war. Die Mannschaft von Borussia Dortmund wurde nach dem 0:2 kritisiert, als ob sie gegen einen Regionalligisten aus dem DFB-Pokal geflogen wäre. DIE WELT verkündete alsbald dementsprechend eine „Klatsche“ für das Team von Thomas Tuchel. Wohlgemerkt bei einer 0:2-Niederlage bei einem Champions-League-Teilnehmer mit offenkundig hochwertigen fußballerischen Potential.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel kam es dann zum offenherzigen Konflikt zwischen Roger Schmidt und Thomas Tuchel zum Themenbereich des FairPlay. Während Schmidt das Spiel als umfassend fair bezeichnete, stellte Tuchel genervt fest, dass diese Aussage ausgerechnet von dem Trainer komme, dessen Team 21 Fouls im Gegensatz zu den sieben Dortmunder Fouls begangen hatte. Dementsprechend müsste er ein anderes Spiel als Roger Schmidt gesehen haben. Schmidt konterte, dass einige Fouls auch zu Unrecht gepfiffen worden seien und die Dortmunder auch es geschickt verständen, Fouls zu ziehen. In konfrontativer Weise wurde hier der Spielverlauf ausgewertet, was für die versammelte Presse natürlich (leider) ein gefundenes Fressen war. Anstatt die unterschiedlichen Perspektiven zu rezitieren, wurde alsbald Thomas Tuchel als Miesepeter ausgemacht, auch wenn die Statistiken ihm Recht geben würden. Nun ging es nicht mehr um das Spiel Leverkusen gegen Borussia Dortmund, sondern um die scheinbar des Öfteren festzustellende Schlechte-Verlierer-Attitüde des BVB. In rasantem Tempo wurde hier eine Geschichte medial konstruiert, die seit Sonntag die üblichen Foren füttert. Nahrung bekommt die Diskussion durch überbordende Erwartungen und selektive Berichterstattung. So wird gerne anhand eines Nebensatzes in einem Interview eine Aussage über Ansprüche eines Vereins formuliert, während die eindringliche Analyse der Situation durch die Vereinsvertreter gerne mal überhört wird. Während Tuchels Aussage, dass ihn das Tabellenbild am Anfang der Saison nicht so sehr interessiere, weggelächelt wird, wird seine Reklamation der offensichtlich für seine Mannschaft leidlich ausfallenden Foulstatistik als wehleidig aufgebauscht.

Taktik und FairPlay sind nicht nur Komponenten auf dem Platz, sondern eben auch elementare Bedingungen des Zusammenwirkens, welcher sich auch die Medien bewusst sein sollten. Die Taktik mit reißerischen Schlagzeilen um Aufmerksamkeit in der digitalisierten Öffentlichkeit zu sorgen, ist dabei altbekannt. Nur wird mit diesen Schlagzeilen ein Eindruck vermittelt, der mit der Realität nur schwerlich in Einklang zu bringen ist und so erscheint die Berichterstattung in einem kontinuierlichen Prozess der Polarisierung, nur um die eigens konstruierte Spannweite zwischen Erfolg und Misserfolg für weitere Schlagzeilen nutzen zu können. Mit FairPlay hat dies eher nichts zu tun. Vielmehr ist es eine kalkulierte Konfliktförderung zugunsten der eigenen Interessen. FairPlay wird demzufolge zur Plattitüde der Berichterstattung, auf die sich nur der Erfolgreiche berufen darf, denn andererseits droht ihm eine Pseudo-Diskussion zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Natürlich sind Medien als Bestandteil der öffentlichen Meinungsbildung auch zur Positionierung aufgerufen. Jedoch lässt sich ein kontinuierlicher Verfall im respektvollen Umgang feststellen: Im Vordergrund steht die Story. Ein Negativ-Beispiel hierfür offenbarte sich nach der Partie des Hamburger SV gegen den FC Bayern München Ende September. René Adler stellte sich den Fragen des Sky-Moderators nach der spät erlittenen Niederlage und verwies nach der ersten Frage zum offenkundig scheidenden Trainer Bruno Labbadia drauf, dass er lediglich über das Spiel sprechen möchte. Der Vertreter von Sky hakte journalistisch nach und wurde vom Torhüter des HSV erneut gebeten, seine Fragen auf das Spiel zu beziehen. Spätestens hier hätte dieser einlenken müssen, sofern er denn eine Spur von Moral und Respekt in sich tragen würde. Stattdessen wurden weitere drei Nachfragen vor dem angeblichen Hintergrund gestellt, dass dies nun einmal die Anhängerschaft interessieren würde. Welch populistische Einfältigkeit, die lediglich dazu diente, aus ein paar Wortschnipseln Adlers eine Geschichte zur Entlassung Bruno Labbadias konstruieren zu können. Es ist eine verquere Welt der wir da Woche für Woche beiwohnen. Taktische Fouls gibt es bei weitem nicht nur auf dem Platz. Im Vergleich zur Gangart der Leverkusener stellt sich die der Berichterstattung als größeres Problem dar.

 

Axel Diehlmann

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